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Forschungsgeschichte der Kreativität

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Kreative Fähigkeiten und Leistungen sind Betrachtungs- und Forschungsobjekt mehrerer Wissenschaften, z. B. der Wissenschaftsgeschichte und der Wirtschaftswissenschaften. Schumpeter (1883–1950) schrieb in seinem 1911 erschienenen Werk Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung Pionierleistungen nicht vorwiegend ökonomischem Eigennutz zu, sondern erklärte sie mit psychologischen Motiven, zu denen auch „Freude am Gestalten“ zählt.[17] Schumpeter erkannte das Wechselspiel aus Innovation und Imitation als Triebkraft des Wettbewerbs. Die stark überarbeitete Neuauflage 1926 machte die Begriffe Schöpferische Zerstörung und ‚kreative Zerstörung‘ in der Makroökonomie (und darüber hinaus) sehr bekannt.[18] Zur unternehmerischen Kreativität gehört laut Schumpeter die Fähigkeit zur erfolgreichen Rekombination existierender Ressourcen und Kräfte.[19]

Seit 1950 begannen, ausgelöst durch den Psychologen Joy Paul Guilford, intensive empirische Forschungen. Er markierte einen Wendepunkt in der Kreativitätsforschung. Er stellte zum Einen fest, dass in den 25 Jahren zuvor von 121.000 erschienenen psychologischen Arbeiten nur etwa 186 relevante Titel zum Thema Kreativität verfasst worden waren, und rief dazu auf, diesem Bereich mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Zum Anderen gipfelte seine Rede in der These: „Jeder Mensch ist kreativ!“; damit widersprach er dem bis dahin vorherrschenden Hochbegabten-Paradigma und öffnete die Tür für ein breiteres Kreativitätsverständnis und nachfolgende spezielle Kreativitätsforschungen. Guilford beschrieb das Wesen individueller Kreativität durch folgende grundlegende psychische Merkmale:

  • Problemsensitivität (erkennen, dass und wo ein Problem besteht)
  • Flüssigkeit (in kurzer Zeit viele Ideen hervorbringen)
  • Flexibilität (gewohnte Wege des Denkens verlassen; neue Sichtweisen entwickeln)
  • Redefinition (bekannte Objekte neu verwenden, improvisieren)
  • Elaboration (anpassen der Ideen an Realität)
  • Originalität (Unverwechselbarkeit).[20]

Nach Guilford ist Kreativität eine spezielle Form des Denkens. Er unterschied konvergentes Denken (bei klar umrissener Problemstellung mit genau einer Lösung) von divergentem Denken („the kind that goes off in different directions“; bei unklarer Problemstellung und mehreren Lösungsmöglichkeiten).[21] Es zeigte sich jedoch bald, dass die Kreativität eines Menschen nicht mit seinem IQ korreliert (Andreasen 2005). Beispielsweise können Menschen mit Lernbehinderung künstlerisch außerordentlich kreativ sein. Andererseits gibt es hochintelligente Menschen, deren Kreativität sich auf dem Niveau eines Kleinkindes bewegt.

Guilford steuerte weitere Aspekte wie sozioökonomische, wissenschaftliche und pädagogische Gesichtspunkte in Bezug auf die Definition von Kreativität bei und schuf somit die Grundlage zur Messung kreativer individueller Problemlösungen. Guilfords Forschung konnte das Wesen der Kreativität aber nur teilweise erhellen, da Psychologie und Neurobiologie nur alltägliche Kreativität untersuchen können. Außergewöhnliche Kreativität lässt sich empirisch-psychologisch und experimentell nicht untersuchen (Andreasen 2005). In einem Test müsste die Person „auf Kommando“ kreativ sein, was aber mit dem spontanen Charakter vieler kreativer Leistungen unvereinbar ist. Außerdem wird die außergewöhnlich kreative Leistung oft erst nach langer Zeit erkannt. Dasselbe Problem haben die modernen Neuroimaging-Verfahren: Die kreative Leistung müsste ausgelöst werden, wenn die Testperson im Scanner liegt und man müsste vergleichbare Kontrollgruppen bilden können.

Kreative Leistungen werden meist erst als solche anerkannt, wenn sie sich in irgendeiner Weise als nützlich für andere erweisen. Die Erforschung kreativer Prozesse unter den Aspekten ihrer Beherrschbarkeit, Berechenbarkeit und Verwertung hat in der Innovationsforschung an Bedeutung gewonnen.[22]

Wissenschaftstheoretiker haben festgestellt, dass kreative Leistungen oft an Grenzstellen zwischen wissenschaftlichen Domänen auftreten, seltener in den Domänenkernen selbst. Diese halten lange an etablierten Theorieansätzen fest (siehe auch Paradigmenwechsel). Das gilt auch für die psychologische Kreativitätsforschung selbst, die z. B. durch die Investmenttheorie der Kreativität von Sternberg und Lubart (1996) neue Impulse durch Analogien aus anderen Domänen empfangen hat.[23] Weitere Impulse erhielt die Kreativitätsforschung aus der sprunghaften Entwicklung der Hirnforschung durch die Anwendung neuer bildgebender Verfahren, die es ermöglichen, Denkprozesse im Gehirn in verschiedenen Arealen genau zu lokalisieren und voneinander abzugrenzen. Es gibt Versuche, neurobiologische, psychologische und kulturelle Kreativitätsforschung miteinander zu verbinden (Holm-Hadulla 2013).

Seit Ende der 1990er Jahre wird auch der Begriff Kultur- oder Kreativwirtschaft verwendet, um alle Aktivitäten zur Herstellung und zum Vertrieb von urheberrechtlich geschützten Produkten zu beschreiben, die dem Ziel dienen, Geld zu verdienen. Heute gibt es in Europa eine Vielzahl von Ansätzen, wie man Kreativität als Wirtschaftstätigkeit verstehen und interpretieren kann. Das Kulturministerium Großbritanniens spricht von Creative Industries und hat dazu verschiedene Studien veröffentlicht. In den Wirtschaftswissenschaften gilt Kreativität heute als eine wichtige Ressource bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle.